Ausgabe vom Samstag, 31. Juli 2010

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Bibel-Mirakelspiel

Fantasiewelt ohne Computer

Express

Ein Rollenspiel bringt
Jugendlichen christliche
Werte spielerisch näher: Schüler in Meggen bewegten sich durch eine Fantasiewelt mit und ohne Grenzen.

Von Sara Niederberger

Am frühen Morgen geht es im Zentralschulhaus in Meggen schon heiter zu und her. Fünf Schüler der ersten Oberstufe sehen sich von einer Gruppe Vandalen umzingelt. Wichtige Entscheidungen sind gefragt, verschiedene Vorschläge, wie die Bedrohung werden soll, werden diskutiert. Einige lösen schallendes Gelächter aus, andere werden mit ernster Miene zur Kenntnis genommen. Jemand will schummeln, wird aber sofort von seinen Mitspielern zurechtgewiesen.
Gemeinsam entscheiden die Schüler, wie sie sich in der brenzligen Situation verhalten. Der Spielleiter beurteilt den Vorschlag seiner Mitschüler und entscheidet, ob sie den Vandalen entkommen oder wichtige Lebenspunkte verlieren. Fürs Erste wäre das geschafft. Das Abenteuer in den Katakomben von Rom kann weitergehen.
Integrierte Begabtenförderung
Für einmal sind die antiken römischen Katakomben erfüllt von Stimmen und Gelächter einer Schulklasse. In Gruppen wandern die Schüler von Raum zu Raum und haben verschiedene Aufgaben zu bewältigen. Denn die Kinder spielen das Bibel-Mirakelspiel im Rahmen des Religionsunterrichts. Die Lehrerin Murielle Egloff hat sich auf dieses Experiment eingelassen und ist «sehr zufrieden». Der Unterricht in Kleingruppen ist weit gehend neu und begeistert die Schüler offensichtlich. «Das Spiel macht Spass, und man lernt auch etwas dabei», meint ein Schüler.
Gespielt wird in Fünfer- oder Sechsergruppen. Ein Freiwilliger pro Gruppe übernimmt die Rolle des Spielleiters, welche einigen Zusatzaufwand mit sich bringt. Im Vorfeld müssen die Spielleiter den Spielablauf erarbeiten, damit sie im Unterricht das Spiel führen können. Sie begleiten das Spiel, müssen aber auch einmal eingreifen, wenn sich die Gruppe auf Abwegen befindet.
Mit der Rolle des Spielleiters wollte Dave Büttler auch den Bereich der Begabtenförderung abdecken. Büttler ist Religionspädagoge und hat mit dem Germanisten Patrick Wermelinger das Bibel-Mirakelspiel entworfen. Vom Unterricht her weiss Büttler, «dass es ab der fünften Klasse nicht mehr so einfach ist, die Schüler für Bibelgeschichten zu interessieren». Als Religionspädagoge ist ihm aber die Vermittlung christlicher Kultur ein zentrales Anliegen. Neben Einblicken in die Geschichte des frühen Christentums sollen den Kindern mit Hilfe von Bildern und Bibeltexten auch christliche Werte vermittelt werden.
Fantasiewelt ohne Computer
Mit diesem klaren Ziel vor Augen machte sich Büttler auf die Suche nach neuen, lustvollen Formen der Stoffvermittlung. Denn Spielen gehört zwar zu den liebsten Beschäftigungen jedes Kindes, nur haben sich mit der Gesellschaft auch die Spielformen entwickelt. Deshalb haben Büttler und Wermelinger neue Computerspielformen aufgenommen. Dazu gehören die Erkundung einer Fantasiewelt und eine Vielzahl unterschiedlicher Handlungsmöglichkeiten in dieser Welt. «Diese Spielform», so Büttler, «ist den Kindern recht vertraut.» Damit soll das Fantasie-Rollenspiel den Kindern - und Eltern - eine sinnvolle Alternative zu Computer-Rollenspielen bieten. Neben Schulen und Jugendverbänden ist die Familie ein wichtiger Adressat.
Eigentlich kann das Spiel nur einmal gespielt werden. Und genau hier liegt eine Stärke der Konzeption: Die Kinder sollen dazu animiert werden, das Spiel weiterzuerfinden. Die Katakomben können durch beliebig viele Räume ergänzt werden. Das Spiel wird zu einer Welt der unbegrenzten Möglichkeiten.
Ganz ohne die jüngsten technischen Errungenschaften will aber auch dieses Spiel nicht auskommen. Momentan wird eine Multimediaversion erarbeitet. In ihr werden der Spielplan und die Bilder über einen Beamer gezeigt und von Animationen und Musik unterstützt. So kann das Spiel auch in einer grösseren Gruppe gespielt werden.
Grenzen der Fantasie
Schauplatz des Spiels sind die Katakomben von Rom zur Zeit des Untergangs des Römischen Reiches. Neben der Stoffvermittlung sollen auch die sozialen Fähigkeiten der Kinder gefördert werden. Es wird diskutiert, ausgehandelt, zugehört und gemeinsam entschieden und getragen - denn auch die vom Spielleiter verhängten Konsequenzen treffen alle.
Die Spielrunde in der Schule zeigt, wie diese Lernform der Fantasie der Kinder freien Lauf lässt, aber auch, wo sie an ihre Grenzen stösst. So wollen die Knaben die Vandalen schlagen oder bestechen. Mädchen dagegen singen lieber ein Lied, damit die Vandalen einschlafen, oder tragen ein Gedicht vor. Geschlechtsspezifische Stereotype machen eben auch vor der Fantasie nicht Halt.

Hinweis

Bibel-Mirakelspiel: Rex Verlag, Luzern, Fr. 19.80, Informationen auf www.mirakelspiel.com.


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